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Was macht die Pesso-Methode (PBSP) so besonders und wie läuft eine solche Therapie konkret ab?


Das Therapieverfahren Pesso-Boyden-System-Psychomotor (PBSP) geht auf den US-amerikanischen Therapeuten Albert Pesso (1929-2016) und seine Frau Diane Boyden-Pesso zurück.

Es handelt sich um eine Form der Psychotherapie, die in ganzheitlicher Weise Therapieansätze miteinander verbindet, die sowohl psychoanalytische und psychodynamische als auch kognitiv-verhaltenstherapeutische, humanistische und systemische Wuzeln haben. Die Arbeit bezieht in besonderer Weise den Körper mit ein, fokussiert die erlebten Emotionen und hilft, diese in ihren Bedeutungen zu erschließen. Auf diese Weise wird besonders die Entwicklung eines immer passenderen Selbstbildes und Selbstkonzeptes gefördert, in das hinein sich unser Erleben auf natürliche und stimmige Weise integrieren kann. Das Verfahren ist neurobiologisch fundiert.


Die therapeutische Arbeit wird von 3 Säulen getragen:


Die erste Säule geht davon aus, dass wir alle als Teil der Spezies „Mensch“ mit bestimmten Grundbedürfnissen geboren werden, die befriedigt werden wollen. Deshalb verfügen wir über ein ursprüngliches Wissen davon, was wir eigentlich brauchen oder in einer bestimmten Zeit unseres Lebens gebraucht hätten.

PBSP geht von 5 Grundbedürfnissen aus, die „Platz“, „Nahrung“, „Unterstützung“, „Schutz“ und „Grenzen“ genannt werden.

Zu Beginn unserer Entwicklung sind wir darauf angewiesen, dass diese Grundbedürfnisse von außen, durch andere Menschen, durch unsere frühen Bezugspersonen passend beantwortet werden. Und zwar zunächst auf einer ganz konkreten körperlichen Ebene: So ist etwa die Gebärmutter unser uranfänglicher Platz. In ihr werden wir über die Nabelschnur durch den Organismus der Mutter zuerst mit Nahrung versorgt und nach der Geburt erfährt das Kind Nahrung über den Mund, der im Idealfall die Milch der Mutter aufnimmt. Nahrung lässt uns spüren, wie unser Körperinneres im Stillen des Hungergefühls wohlig ausgefüllt wird. Dass das Kind getragen wird getragen wird, lässt es Unterstützung erfahren, und dass jemand schädliche Einfluss davon abhält, in es einzudringen, Schutz. Und dass jemand etwa die Kraft seiner kleinkindlichen Bewegungen aufzunehmen und mit seiner eigenen Körperlichkeit liebevoll zu halten vermag, lässt es Grenzen erfahren und macht ihm seine eigene Kraft erst wirklich spürbar.

Aus jenem Wissen, das uns genetisch mitgegeben ist, haben wir ein intuitives Gespür, wie sich ein Platz, der uns aufnimmt, und wie sich Nahrung, Unterstützung, Schutz und Grenzen für uns passend anfühlen. Auch auf einer mehr symbolischen Ebene: Da erfahren wir unseren Platz z. B. im Blick eines anderen Menschen, der uns spüren lässt, dass wir so, wie wir sind, erwünscht und richtig sind, dazugehören und unveräußerliche Rechte haben; Nahrung erleben wir durch Anregungen, mit denen wir uns weiter entwickeln können, und durch Lob für unsere Lernschritte; Unterstützung, wenn jemand in einer schwierigen Situation hinter uns steht; Schutz, wenn uns jemand in einer Auseinandersetzung verteidigt; und Grenzen, wenn uns etwa jemand wohlwollend darauf aufmerksam macht, dass wir gerade nach etwas greifen, das uns nicht gehört, so dass wir uns nicht in Schwierigkeiten bringen, andere nicht schädigen und die Chance bekommen, zu unseren eigenen Potentialen zu finden.

In dem Maße, in dem diese Grundbedürfnisse von unseren Bezugspersonen passend beantwortet worden sind, werden wir im Laufe unserer weiteren Entwicklung dazu in der Lage sein, sie auch eigenständig für uns selbst zu befriedigen, also gut für uns selbst zu sorgen und unser Leben zu unserer Zufriedenheit zu gestalten. Und wir werden dann auch andere, v. a. unsere Partnerinnen oder Partner und unsere Kinder entsprechend beantworten können.


Die zweite Säule der Therapie nach PBSP ist das Wissen um die Funktionsweisen unseres Gehirns. Unser Gehirn zeichnet vom Beginn unseres Lebens an in seinen Erinnerungssystemen alles auf, was wir erleben. Und was da aufgezeichnet ist, bestimmt, wie wir heute die Gegenwart erleben, was wir erwarten und wie wir handeln.

Probleme entstehen durch Erinnerungen an Frustrationen, die wir erlebt haben, weil unsere Grundbedürfnisse immer wieder nicht passend oder nicht ausreichend beantwortet worden sind. Durch Erinnerungen an bedürftige Bezugspersonen, für die wir schon früh haben sorgen müssen, statt dass sie für uns gesorgt hätten. Oder durch Erinnerungen an schwere Verletzungen unserer körperlichen und/oder psychischen Grenzen, die wir Trauma nennen.

Alle diese negativen Erinnerungen sorgen dafür, dass wir die Gegenwart so erleben, als wäre sie von diesen Erinnerungen eingetrübt, verzerrt und eingeengt. Dazu, dass wir regelmäßig die Wiederholung dieser negativen Erfahrungen erwarten und dass wir uns immer wieder so verhalten, wie wir es früh erlernt haben, um zu überleben und mit schwierigen Ausgangsbedingungen irgendwie zurecht zu kommen. Unser Gehirn will Berechenbarkeit und Stabilität schaffen. Deshalb hat es aus diesen Erinnerungen sogenannte „neuronale Netzwerke“ gebildet, die sich zwar grundsätzlich verändern lassen, aber erst einmal ziemlich fest und stabil sind. Sie sorgen dafür, dass unser Gehirn uns, sobald wir in der Gegenwart ähnliche Reize erleben, wie sie in diesen Erinnerungen abgespeichert sind, automatisch die beschriebenen Wiederholungsimpulse gibt, auch wenn sie zu unserer Gegenwart oft gar nicht mehr passen.

Wenn wir in unseren Gefühlen, Erwartungen und in unserem Verhalten mehr mit der Gegenwart in Einklang kommen wollen, gibt es letztlich keinen anderen Weg, als unserem Gehirn zu helfen, neue neuronale Netzwerke zu knüpfen. Dafür müssen wir ihm ermöglichen, neue Erinnerungen abzuspeichern, die uns dann auch neu prägen können.


Das führt zur dritten Säule dessen, was wir in PBSP tun: Wir kreieren neue Erinnerungen an eine hypothetische Vergangenheit, wie sie für uns richtig gewesen wäre. Erinnerungen daran, wie es gewesen wäre, wenn unsere Grundbedürfnisse zur entsprechenden Zeit von der richtigen Person auf eine passende Weise befriedigt worden wären. Dabei zaubern wir nicht und flüchten auch nicht in eine Scheinwirklichkeit. Natürlich können wir unsere Vergangenheit nicht verändern. Sie ist so, wie sie gewesen ist. Aber die gute Nachricht ist: Unser Gehirn schafft nicht nur Berechenbarkeit und Stabilität, es kann auch bis zuletzt neu lernen. Dabei verfügt es über die bemerkenswerte Fähigkeit, intensive innere Bilder und Zustände so zu erleben, als wären sie zugleich eine objektive äußere Realität. Ähnlich wie in unseren Träumen, von denen wir natürlich wissen, dass sie sich nicht in der äußeren Realität zugetragen haben, und die sich doch für uns körperlich und emotional genauso anfühlen, als würden wir das Geträumte tatsächlich erleben. Selbst nach dem Erwachen können sie noch so echt wirken, dass wir uns (erleichtert oder enttäuscht) erst klar machen müssen, dass wir sie ja „nur“ geträumt haben.

Indem wir neue Erinnerungen an eine Vergangenheit kreieren, die unseren ursprünglichen Erwartungen entsprochen hätte, sorgen wir dafür, dass unser Gehirn diese Erinnerungen in neuen neuronalen Netzwerken auch neu zusammenfügt und abspeichert. Diese neuen Netzwerke wiederum verändern die Art und Weise, wie wir im Hier und Jetzt die Gegenwart erleben, was wir erwarten und wie wir uns verhalten. Wir können auf diese Weise nach und nach zu dem Menschen werden, der eigentlich in uns angelegt ist. Wir werden, wer wir wirklich sind.





Mehr als Reden -

und ein erwachsenes Arbeitsbündnis auf Augenhöhe


Viele Menschen kommen in die Therapie mit der mehr oder weniger bewussten Erwartung, dass ihr Leben besser wird, wenn sie erzählen, worunter sie leiden. Über schwierige Erfahrungen zu sprechen, verändert aber zumeist nur wenig. Es sorgt vielmehr dafür, dass sich all die negativen Erinnerungen im Erzählen noch einmal verfestigen und wiederholen. Mehr oder weniger bewusst erwarten Menschen auch, dass die Therapeutin oder der Therapeut ein ideales Gegenüber wäre, mit dem sie neue Erfahrungen machen können. Aber selbst wenn es den idealen Therapeuten oder die ideale Therapeutin geben würde, die uns genauso beantworten, wie wir es uns immer ersehnt haben, würde uns das auf Dauer nicht wirklich weiterhelfen. Es wäre eine Beantwortung durch die falsche Person in der falschen Zeit, während unser Körper und unser Geist immer noch nach der passenden Beantwortung suchen, die zu einer bestimmten Zeit durch eine bestimmte Person in unserer Entwicklung hätte erfolgen müssen. Deshalb kreieren wir in PBSP keine Lösungen zwischen Klient und Therapeutin in der Gegenwart sondern in einer hypothetischen Vergangenheit, die genau der Zeit entspricht, die die Klientin gerade erinnert. Wäre die Beziehung zum Therapeuten die Quelle der Heilung, bestünde auch die Gefahr, dass wir von ihr oder von ihm abhängig würden. Nach meinem Verständnis sollte es hingegen zwischen Therapeuten und Klientinnen und Klienten ein erwachsenes Arbeitsbündnis auf Augenhöhe geben, in dem beide auf Erfahrungen schauen, die die Klientin oder der Klient gemacht hat, sie miteinander auswerten, neue Möglichkeiten erkunden und Klientinnen und Klienten in jedem Moment ihrer eigenen Wahrnehmung folgen und eigene Entscheidungen treffen können.

Damit das möglich ist, eröffnen wir in der Therapie nach PBSP gleichsam eine Arena, in der Sie neue Erfahrungen machen können. Als Therapeut spiele ich in dieser Arena nicht mit. Ich helfe Ihnen nur von außen, die für sie passenden Akteure und Erlebnisräume zu kreieren.

Die erste dieser Figuren, die wir zusammen kreieren, ist der sogenannte „Zeuge“: Er hat die Aufgabe, alle Gefühle, die Sie im Hier und Jetzt erleben, wahrzunehmen und Ihnen rückzumelden. Er sagt Ihnen, was Sie fühlen, wenn Sie etwas Bestimmtes denken oder sich an etwas Bestimmtes erinnern. Und Sie können überprüfen, ob er Recht hat oder nicht. Er lässt sich von Ihnen korrigieren, wenn er falsch liegen sollte, bis Sie beide miteinander herausgefunden haben, welches Gefühl Sie wirklich gerade erlebt haben und worauf es sich genau bezieht. Auf diese Weise sorgt der Zeuge mit Ihnen gemeinsam dafür, dass Ihre Gedanken und Gefühle sich in der Weise zusammenfügen, dass sie selbst es als sinnvoll erfahren.

Der Zeuge spricht Sie mit „Du“ an. Als Therapeut leihe ich ihm nur meine Stimme, bleibe aber selber mit Ihnen auf einer erwachsenen Arbeitsebene und spreche sie natürlich weiter mit „Sie“ an.

Für alle wichtigen Personen, Dinge, Themen oder Situationen ihres Lebens, von denen Sie berichten mögen, werden Sie in der Therapie einen Gegenstand auswählen, den wir „Platzhalter“ nennen. Er soll dem, was Sie auf Ihrem „inneren Monitor“ jeweils gerade sehen, auch im Therapieraum einen Ort geben, so dass wir von außen darauf schauen können.


Denkmuster überprüfen - neue, ideal passende Erfahrungen machen

Manchmal passen unsere Gefühle und Gedanken nicht zusammen. Dann sprechen wir Überzeugungen und Vorstellungen aus, und andere sind irritiert, weil sie durch unsere Körperhaltung, Mimik und Gestik oder durch den Klang unserer Stimme ganz andere Signale bekommen, die unseren Aussagen gar nicht entsprechen. Das ist ein Hinweis darauf, dass wir uns von unseren wahren Gefühlen abgeschnitten haben und stattdessen zu Überzeugungen und Vorstellungen Zuflucht nehmen, die wir erlernt haben, um in einer unfreundlichen Welt zu überleben. Es sind Überzeugungen und Vorstellungen, mit denen wir versucht haben, uns an das anzupassen, was wir vorgefunden haben, auch wenn wir uns damit ursprünglich gar nicht wohlgefühlt haben. In der Arena, die wir in PBSP aufbauen, gibt es auch jemanden, der genau auf diese Überzeugungen und Vorstellungen der Klientin oder des Klienten hört. Er nennt sie „Stimmen“ und spricht aus, was diese Stimmen ihm oder ihr gewohnheitsmäßig sagen. So bekommen Sie selbst die Chance, sich dieser Stimmen ihrer Überzeugungen und Vorstellungen neu bewusst zu werden und sie für sich zu überprüfen.

Am bedeutsamsten ist aber, dass wir in dieser Arena mit der Zeit „Ideale Figuren“ auftreten lassen, die Ihnen genau das entgegenbringen, was Sie immer schon gebraucht hätten. Sie kehren einfach das Frustrierende oder Kränkende, an das Sie sich gerade erinnern, um, und lassen Sie erleben, wie es für sie in der entsprechenden Zeit mit der zuständigen Bezugsperson eigentlich richtig gewesen wäre. Diese Idealen Figuren werden immer mehr zu den bestimmenden Akteuren in der Arena, in der Ihre neuen Erinnerungen entstehen. Mit ihnen haben Sie die Chance, wirklich neue und heilsame Erfahrungen zu machen, die in Ihrem heutigen Leben auch Neues freisetzen können. Wir unterscheiden diese Idealen Figuren deshalb klar und deutlich von den realen Personen, mit denen Sie in Ihrem Leben zu tun hatten oder noch haben.


Alles Weitere werde ich Ihnen persönlich erklären, wenn Sie sich angesprochen fühlen und den Weg zu mir finden. Denn das Gute an dieser Art von Therapie ist: Wir können jederzeit den Prozess in der Arena, die auf die beschriebene Weise entsteht, unterbrechen und uns über das Geschehen austauschen, so dass Sie es für sich prüfen und mit meiner Unterstützung die Fragen klären können, die sich Ihnen stellen. Dann sind wir wieder auf der Ebene unserer erwachsenen Zusammenarbeit.


Auf dieser Ebene werden wir auch immer wieder überlegen, was Sie in Ihrem heutigen Alltag ganz konkret tun können, um die neuen Erinnerungen, die in der therapeutischen Arena entstehen, auch ganz praktisch zu stärken. So, dass diese neuen Erinnerungen immer mehr Ihr heutiges Fühlen, Denken und Handeln bestimmen.


Denn das bedeutet Therapie aus meiner Sicht tatsächlich bis zu einem gewissen Grad: dass Sie in den Situationen, die heute für sie schwierig sind, neu zu sehen, neu zu empfinden, neu zu fühlen, neu zu denken und neu zu handeln lernen. Indem Sie Ihre ureigenen Bedürfnisse wiederentdecken und in einem „ernsten Spiel“ erleben, wie es sich anfühlt, wenn diese Bedürfnisse wahrgenommen, gewürdigt und passend beantwortet worden wären – von der rechten Person zur rechten Zeit.


(Beim Verfassen dieses Textes greife ich dankbar auf die Impulse meiner lieben Lehrer*innen in PBSP, Michael Bachg, www.pbsp-institut.de/vita-michael-bachg, und Bärbel Buch, www.pbsp-institut.de/vita-baerbel-buch, zurück.)



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